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Es ist noch kein Mediziner vom Himmel gefallen

15. Feb 2017 | Vorsemester

Der erste Monat im Vorsemester Medizin ist geschafft und ich muss ehrlich zugeben, dass die Zeit einfach viel zu schnell herum ging. Ich habe jede Menge aus den Vorlesungen mitgenommen, tolle neue Leute kennenlernen dürfen und bin immer noch erstaunt über mein wagemutiges Time Management, dass mich bisher zum Glück nicht im Stich gelassen hat.

Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Ihr könnt Euch vielleicht noch erinnern an meine Suche nach einem Vorbereitungskurs für das Medizinstudium, um die längere Schulabstinenz auszugleichen. Natürlich habe ich von vornherein die eierlegende Wollmilchsau gesucht: Der Veranstaltungsort sollte maximal eine Stunde Fahrtzeit entfernt liegen, am Abend oder Wochenende stattfinden und wenn zudem die Kosten kein schwarzes Loch in meine Geldbörse reißen würden, hätte ich den Wunschkandidaten auch schon gefunden. Alsbald an meinen Rechner gesetzt, ließ ich nicht locker, bis die Tasten des Laptops glühten. Mein erster Schritt in Richtung Medizin war schlussendlich ziemlich schnell getan, nachdem ich mit IFS Studentenkurse die Nadel im Heuhaufen fand. Seit nun mehr 30 Tagen bin ich fleißige Teilnehmerin des Propädeutikums.

Auf Anraten etlicher befreundeter Medizinstudenten, wollte ich mein Pflichtpflegepraktikum ungern in den Semesterferien und stattdessen lieber vor dem Studienbeginn abgeleistet haben. Natürlich habe ich mich an diversen Krankenhäusern beworben, um die Chancen einer Zusage zu erhöhen, aber eigentlich hatte ich von Anfang an einen Favoriten gehabt. Im Oktober 2016 bekam ich endlich meine ersehnte Bestätigung aus dem Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf, in dem ich seit November fünf Tage die Woche Einblick erhalte in den alltäglichen Scharf- und Wahnsinn im Kasack. Meinen Feierabend genieße ich nach der Frühschicht ab 15.30 Uhr. Böse Zungen mögen nun bezweifeln, dass die gleichzeitige Teilnahme am Praktikum und am Vorsemester nicht zu bewerkstelligen ist, da die Tätigkeit im Hospital aus mehr als nur einer Schicht besteht. In diesem Fall, können jedoch alle Interessierten erst einmal aufatmen, denn die gemunkelten Halbwahrheiten trafen weder auf mich, noch auf einen meiner zwölf Mitstreiter im Vorbereitungskurs zu.

Für jeden Pflegepraktikanten sollte es selbstverständlich sein, von vornherein ehrlich mit dem künftigen Vorgesetzten über einen eingeschränkten Zeitplan zu sprechen, um am Ende beiderseitig böse Überraschungen zu vermeiden. Nehmen wir zum Beispiel meine aktuelle Chefin aus der Kinderonkologie. Sie ist uns zukünftigen Medizinstudenten sehr wohlgesinnt und zeigt viel Herz, was die Freizeitaktivitäten ihrer Schützlinge betrifft. Natürlich werden wir nicht für einen Shoppingtag mit der besten Freundin freigestellt, aber wenn unsere Gründe medizinischer oder finanzieller Natur sind, darf man auf ihr Verständnis zählen. Wer sich unsicher ist oder auf der Wunschliste eine enorm begehrte Station notiert hat, kann mit Engagement punkten. Beispielsweise könnte man seine Hilfe in der Nacht, an Wochenenden oder Feiertagen als kleine Entschädigung anbieten. Welche Stationsleitung wird zu diesem Angebot wohl Nein sagen?

Nonchalant ins Medizinertraumland?

Am Morgen meines Medizinerdebüts bin ich, trotz der sehr positiven Erinnerungen an den Informationsabend, etwas aufgeregt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nach gefühlten zwanzig Lenzen das erste Mal wieder in einen Klassenraum spazieren werde. Ich könnte mich an das Kribbeln im Bauch fast gewöhnen, im Gegensatz zu der großen Ungeduld und den vielen Fragen, die in meinem Kopf herumschwirren. Endlich werde ich unbekanntes Terrain erkunden können, welches ich in den vergangenen Jahren zwar mit Adleraugen beobachtet habe, jedoch bis dato nicht der richtige Zeitpunkt gekommen war, es am Ende des Tages betreten zu dürfen.

Der Arbeitstag am UKE vergeht wie im Fluge und so bleibt mir kaum Zeit über den nahenden Abendkurs nachzudenken. Nachdem ich wieder in Zivil bin, schwinge ich mich auf das Velo und radle geschwind Richtung Unterricht. Das Gebäude, in dem die IFS Studentenkurse stattfinden, ist ruhig gelegen in einer kleinen Seitenstraße direkt in der Hamburger Stadtmitte. Die Räumlichkeiten in der oberen Etage bestechen mit neuwertigem Interieur und einer umfangreichen Praxisausstattung. Schon beim Eintreten fällt mir auf, dass hier nicht nur Schulungen abgestimmt auf angehende Medizinstudenten vonstattengehen. Auch jene, die ihre Allgemeine Hochschulreife nachholen wollen, werden hier fündig.

Ich bringe meinen leeren großen Rucksack, den wir zu Kursbeginn mitbringen sollten, in das Klassenzimmer. Für Banknachbar- Phobiker sei angemerkt, dass die jeweiligen Klassenräume genügend Platz bieten. Selbst die notorischen Zuspätkommer haben noch eine Sitzplatzwahl. Bevor der Unterricht beginnt, bilden sich erste Grüppchen im Flur, zu denen sich die anwesenden Mitarbeiter gesellen. Alle sind sehr freundlich und hilfsbereit, wodurch übrige offene Fragen vor Vorlesungsbeginn ausreichend geklärt werden können. Ich fühle mich gut aufgehoben. IFS hat sich nicht umsonst in den letzten Jahren als die führende private Bildungseinrichtung für Studierende im deutschsprachigen Gebiet etabliert. Nach wenigen Minuten werden meine jungen und – sagen wir- „jung gebliebenen“ Mitschüler in den Raum gebeten. Es geht endlich los!

Langweiliger Frontalunterricht war gestern.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wird schnell klar, dass mehrheitlich Schüler anwesend sind, die augenscheinlich erst kürzlich ihr Abiturzeugnis in der Tasche haben. Einschließlich meiner Wenigkeit haben es insgesamt drei „Wartezeitler“ hierher geschafft. Zumindest bin ich nicht die Einzige, die ein schlechtes Gewissen hatte und das Sammeln theoretischer und praktischer Erfahrungen im Vorsemester für mehr als angebracht hielt.

Zuerst werden die Unterrichtsmaterialien ausgehändigt und schon geht es ebenso schnurstracks los mit der ersten Unterrichtseinheit: Anatomie. Der Ordner füllt sich mit den ausgeteilten Arbeitsblättern und nach nur zehn Minuten blicke ich auf einen fast nicht mehr enden wollenden Papierstapel. Mein Fazit mit Begutachtung des zweiten Turms von Babel: Anatomie scheint ein wahnsinnig interessantes, überdies sehr lernintensives, Sachgebiet zu sein. Zum Glück habe ich mir am Wochenende noch Nichts vorgenommen! Im weiteren Verlauf der Lektion fällt auf, dass das Skript sämtliche Folien aus dem Unterricht beinhaltet, wenn auch aus rechtlichen Gründen nicht alle Bilder. Da sich allerdings beim selber Zeichnen der Stoff viel schneller einprägt, sollte dies wohl das kleinere Übel sein.

Als nächstes steht Chemie auf dem Stundenplan. Klasse, gleich zu Anfang das Fach, in dem ich noch vor wenigen Jahren Blut und Wasser geschwitzt habe. Im Anschluss an eine weitere Vorstellungsrunde, geht es ans Eingemachte, als unsere Lehrerin die erwartungsvolle Stille durchbricht mit der Frage

Wer hat Chemie in der Oberstufe abgewählt?

Zögerlich reckt sich ein Finger nach dem anderen in Richtung Decke, bis nahezu alle Teilnehmer sich melden. Es folgen endlos lange Sekunden des Schweigens, bis selbst die Dozentin grinsend ihre Hand hebt. Das Eis ist gebrochen und die Freude umso größer, dass man es anscheinend ins fünfte Semester Medizin schaffen kann, auch ohne meine Lieblingsnaturwissenschaft im Leistungskurs gehabt zu haben.

In schnellen Schritten marschieren wir durch die gymnasiale Grundstufe. Aber zu meiner Überraschung habe ich den Stoff, trotz langjährigen Pausierens schulischer Aktivitäten, von der ersten Minute an folgen können. Unsere Dozentin ist selbst Medizinstudentin am UKE und beantwortet mit viel Witz und Charme, jedes noch so naive Anliegen mit einem Lächeln. Die äußerst freundschaftliche Atmosphäre innerhalb der Gruppe lässt es problemlos zu, dass auch der Letzte dort abgeholt wird, wo er gerade steht und Anschluss findet.

Abgesehen von dem sehr regen Austausch im Unterricht, erhalten wir am Ende der Stunde Hausaufgaben und ihre Emailadresse. Falls Fragen auftreten beim Nacharbeiten des Lerninhalts, dürfen wir unsere Lehrerin gern anschreiben. Ich ergreife die Gelegenheit beim Schopfe und erkundige mich auf diesem Wege, welche Bücher sie mir empfehlen würde und soviel vorweg: Ich werde nicht enttäuscht. Wenn ihr wollt, werde ich Euch in meinem Post die Lektüre vorstellen, die mir beim Aufarbeiten des Abiturstoffs bisher ganz fantastische Dienste geleistet hat?

Das Vorsemester Medizin schmeckt nach mehr.

Von nun an fahre ich drei mal in der Woche anschließend an mein Pflegepraktikum zu den Vorlesungen. Natürlich habe ich mehrfach das Glück an einem sonnigen Tag, genau die Regenstunden zu erwischen. Aber das Propädeutikum ist sehr gut verkehrstechnisch zu erreichen. Da es nur ein paar Meter fußläufig von der Haltestelle Gänsemarkt und Jungfernstieg entfernt liegt, sind auch zwischenzeitliche Wetterkapriolen schnell entschärft. Der Kurs ist nicht nur prima angebunden, sondern, -wie sich jeder Hamburger bestens denken kann- besonders um die Weihnachtszeit herum, wunderschön gelegen.

So kommt es, dass ich bei Lehrveranstaltungen am Samstag in den längeren Pausen, lieber das Lehrgebäude verlasse, um mit meiner Lerngruppe den Weihnachtsmarkt oder umliegende Lokalitäten zu besuchen. Die Küche gegenüber von unserem Klassenzimmer ist einwandfrei bestückt, dennoch ziehe ich ihr manchmal einen die Hände wärmenden Glühwein unter tausenden kleinen Lichtern vor. Zumal man hier genauso gut die Hausaufgaben miteinander vergleichen und nebenher noch den ein oder anderen Mitschüler besser kennenlernen kann.

Ich fühle mich wieder wie 17.  Mein innerer Schweinehund auch.

Selbstbewusst nach meinen persönlichen Erfolgen in Chemie, ging ich mit Leichtigkeit an Biochemie und Physiologie heran. Schon wenige Einheiten darauf, kam mir das alte Sprichwort in den Sinn: „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Diese Einheiten sind zwar sehr anspruchsvoll, aber wer die Herausforderung liebt und den kleinen Kampf gegen den inneren Schweinehund gern auf sich nimmt, der wird schnell auch hier den roten Faden finden und mit Durchblick glänzen.

Beim Vorsemester wird Dir das Lernen nicht abgenommen und Du bekommst die Note in den abschließenden Klausuren nicht in den Schoß gelegt. Aber mit ein wenig Einsatz gibt es Dir ein tolles Gefühl, den Stoff verstanden zu haben, die Komplexität verinnerlicht und Zusammenhänge selbstständig zu anderen Unterrichtseinheiten herstellen zu können. Wenn Du auch Lust bekommen hast auf ein Vorsemester, dann schau doch einfach mal bei IFS vorbei.

Apropos Verbindungen erkennen. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel ich von dem Kurs profitiere in meinem Alltag. Besonders der Bereich Anatomie holt mich öfter ein, als gedacht. Und damit sind nicht nur die üblichen Aha- Erlebnisse gemeint, bei Grey’s Anatomy oder Dr. House. Das aktuellste Beispiel ist mein letzter Yogakurs. Wer schon einmal beim Yoga war, weiß, dass das Anleiten der verschiedenen Figuren anatomisches Fachwissen verlangt. Wo ich sonst eher ungeschickt, von einem Fuß über den anderen gestolpert bin, bin ich heute vertraut, wo welcher Muskelstrang liegt und inwiefern dieser zur Stabilisierung der Asana beiträgt.

So glücklich mich das Vorsemester auch macht- Manchmal ist es schön zu wissen, dass sich so manches stundenlange Pauken nicht nur im Propädeutikum, sondern zugleich im Leben gelohnt hat. Mit diesen Worten verabschiede ich Euch ins Wochenende, hole meinen Schweinehund aus seinem Versteck, streichle ihm liebevoll das wuschlige Köpfchen und lege zur Abwechslung mal die Beine hoch.

Bis bald,

 

Eure Nele

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