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Mit ganzem Herzblut

15. Mrz 2017 | Vorsemester

Es ist Samstagmorgen. Die Nachtschicht in der Notaufnahme steckt tief in den Knochen. Kaum fällt der erste Sonnenstrahl durch die Vorhänge, entschlüpft mir ein kleines Schmunzeln und ich ziehe noch einmal die Bettdecke über den Kopf. Endlich mal wieder wirklich ausgeschlafen sein! Gerade eben habe ich es mir noch einmal so richtig gemütlich gemacht, nichts ahnend, dass mich zwei Minuten später die Türklingel aus meinen Tagträumen reißen wird. Mein schlafbedürftiger Körper richtet sich missmutig auf. Obendrein entfleucht mir ein gequältes „Ich bin gleich da“ in Richtung Haustür. Ich suche unbeholfen mit meinem linken Fuß nach den Hausschuhen, die ich ganz sicher gestern Nacht vor dem Bett abgelegt hatte. 

Wer hat das mit dem Vorsätzen erfunden?

Die Pantoffeln müssen hier sein! Zumindest habe ich es mir so vorgenommen, um ein wenig mehr Struktur in meinen Haushalt zu bekommen. Nachdem das Geschirrspülbecken mich jeden Tag auf Von neuem mit strafenden Blicken an meine Fürsorgepflicht erinnert, suchte ich zum Jahresbeginn ein Ziel, dass sich leicht umsetzen lässt, aber dabei nicht komplett überflüssig ist. Abwaschen wollte ich selbst im Peak der Sylvestereuphorie partout nicht auf die Liste setzen, daher wurden es die wärmenden Hausschuhe, die ich fortan im Schlafzimmer ausziehen wollte. Ein paar Sekunden stochere ich noch mit dem Zeh unter meinem Schlafplatz herum. Bei allem Enthusiasmus- die Latschen sind hier nicht. Ferner folge ich nun, so schnell es diese Tageszeit zulässt, dem zweiten Schellen an der Haustür. Kaum ist der Spalt groß genug, reicht mir der gut gelaunte Postangestellte ein kleinformatiges, klapperndes Päckchen entgegen.

Der Groschen fällt. Ich unterschreibe zügig, laufe zum Schreibtisch und ehe ich mich versehe, halte ich endlich mein erstes Sezierbesteck samt Stethoskop in der Hand. Es fühlt sich an wie Weihnachten im Grundschulalter: Ich bin voller Vorfreude und Tatendrang auf das, was ich bald damit anstellen darf. Ihr habt richtig gelesen. Im Vorsemester Medizin geht es fortan nicht nur um trockene Theorie. Es ist noch kein Mediziner vom Himmel gefallen und genau aus diesem Grunde dürfen die praktischen Unterrichtseinheiten inmitten der Vorbereitung auf ein Medizinstudium unter gar keinen Umständen fehlen. Das Warten hat ein Ende. Die Praxisseminare stehen schließlich vor der Tür und aller Anfang ist ein Nachmittag bei dem der wichtigste Muskel in unserem Körper im Mittelpunkt steht.

Ein Herz für angehende Mediziner.

Ein paar Wochen bevor das Sezierbesteck und Stethoskop zum Unterricht benötigt werden, bekommt die Gesamtheit der Teilnehmer des Propädeutikums eine eMail. In dieser sind gebündelte Informationen zu den erforderlichen Hilfsmitteln geschrieben. Für Jene, denen der Feierabend zum langen Recherchieren fehlt, gibt es zu jedem Werkzeug eine Verlinkung. Da neben dem Pflegepraktikum eindeutig keine Freizeit existiert, um die einschlägigen Verkaufs- und Second- Hand- Portale durchzustöbern, klicke ich unverzüglich dankend die angegebenen Links. Kurz darauf treffen meine ersten diagnostischen Hilfsmittel zu Hause ein.

Die zweite Hälfte des aus über 300 Seminareinheiten bestehenden Kurses wird nun sehr praktisch. Der Unterricht war bisher ohnehin durch viel Anschauungsmaterial, Übungen sowie Experimenten immens abwechslungsreich. Aber ab jetzt wird uns das ärztliche Handwerk näher gebracht. Kein Wunder, dass manch einer meiner Mitstreiter mehr als 150 Kilometer Fahrtweg in Kauf nimmt und extra aus Hannover angereist kommt, um teilnehmen zu dürfen.

Alles ist griffbereit, während der Anatomiedozent den Klassenraum betritt und die Stimmung in angespannter Erwartung gipfelt. Wir steigen sofort in das Thema des Tages ein: Das Herz. Die Zeit vergeht wie im Flug. Nachdem einige Herz- Kreislauf- Erkrankungen erklärt wurden, schieben wir die Lehrbücher beiseite und kramen unsere Etuis hervor.

Auf in dunkle Kammern und Vorhöfe!

Dem theoretischen Unterricht folgen nun praktische Übungen, zunächst aber nicht am lebenden Menschen. Auf dem vordersten Schreibtisch stapeln sich nach und nach mehrere weiße Styroporboxen. Wir werden aufgefordert, uns in kleinen 2- Mann- Teams aufzuteilen, damit jeder die Chance erhält, an einem Herzen zu arbeiten. So schnell ein passender Partner gefunden ist, sind auch schon die Schweineherzen verteilt und der Spaß beginnt. In den ersten Minuten lauschen wir minutiös den Anweisungen des Lehrers. Bevor es an das Sezieren geht, müssen erst einmal die sichtbaren Teile bestimmt werden. Mit behandschuhten Händen, schaue ich mir das Organ an und versuche zusammen mit meinem Sitznachbarn den Aufbau des Hohlmuskeln nachzuvollziehen. Das ist gar nicht so leicht, denn die Abbildungen in unseren Lehrbüchern sind standardisiert und daher kann es immer zu Abweichungen kommen am (ehemals) lebenden Objekt. Für mich bewährt sich das Ausschlußprinzip beim Bestimmen als beste Vorgehensweise. Das monatelange Pauken zahlt sich heute doppelt aus.

Der Startschuss zum Sezieren fällt. Mein Partner führt das Skalpell anfangs noch mit zittrigen Händen in das Herz. Spätestens nach dem dritten Schnitt ist die Aufregung verflogen und wir machen uns wagemutig an das Auffinden der Herzklappen.

Zwei Stunden später, haben wir das Herz Zentimeter für Zentimeter auseinander genommen. Ein sehr aufschlussreiches Erlebnis, die ich nicht vergessen werde. Und noch eine kleine Randnotiz für Interessenten, die an Hematophobie leiden: Obwohl bereits vor dem Seminar einige Stimmen zu bedenken gaben, dass sie kein Blut sehen können, musste am Ende niemand vor die Tür. Anscheinend hat die Begeisterung an diesem Tag gesiegt. Jeder wollte so viel mitnehmen wie nur irgend möglich. Egal, wie groß das flaue Gefühl im Magen auch war. In diesen Unterrichtsstunden haben wir unsere ersten Erfahrungen sammeln dürfen und konnten uns etwas mehr ausmalen, wie es in etwa sein müsste, in den Katakomben der Pathologie der Unikliniken.

Zeit zum Luft holen

Nachdem die Herzen bis in den letzten Winkel erkundet wurden, kam unser Dozent mit einer kleinen Überraschung herein. Einige wollten die Pause zum Essen nutzen, aber am Ende standen wir alle versammelt um die Lunge und folgten den kurzweiligen Erklärungen. Selbstverständlich durften wir auch hier zum Ausklang wieder selbst Hand anlegen. Diesmal jedoch mittels Strohhalms.

Mit Herzklopfen in die nächste Runde

Was damals – die Generation Y wird sich schmunzelnd daran erinnern können – die gut gehegte Sickersammlung war, die man stolz den Freunden auf dem Schulhof präsentiert hatte, ist an diesem Abend unser Stethoskop. Es war an der Zeit zu den Hörrohren zu greifen, aber zunächst mussten wir ein „Versuchskaninchen“ finden, dass bereitwillig vor den Augen aller Beteiligten seine Kleidung ablegte. Natürlich hat sich einer der anwesenden Männer gern zur Verfügung gestellt. Unser Dozent erklärte uns detailliert, in welcher Reihenfolge eine Anamnese erfolgt und warum. Es ist beeindruckend, wieviele Abnormitäten und Krankheiten man auf diese Weise erhören konnte.

So schnell wie sich das kalte Stethoskop erwärmte, so rasch stieg auch unser Heißhunger an, endlich selbst Hand anzulegen. Die ersten Hemmungen fielen so schnell, wie unsere Shirts und binnen Sekunden hörten wir uns gegenseitig ab. Spätestens jetzt war bei jedem der Knoten geplatzt und der Ehrgeiz auf ein höheres Level gestiegen. Wo ich auch hinschaue – überall glückliche Gesichter von jungen Menschen die bereit sind, sich in den Wahnsinn „Medizinstudium“ zu stürzen. Es macht mich fast wehmutig daran zu denken, dass diese Zeit in wenigen Wochen schon vorüber sein soll.

Wer stolpert der findet

In den darauf folgenden Seminaren wurde das praktische Wissen fächerübergreifend in Physik, Mathematik, Physiologie, Histologie nebst Biologie eingebaut und bis auf Makromolekular-Ebene erklärt. Das Verstehen und Erlernen vorhandener Zusammenhänge war damit in vielerlei Hinsicht einfacher. Mit sehr viel Fleiß und Durchhaltevermögen kann ich nun nach drei Monaten Propädeutikum sagen: Der Unterrichtsstoff ist anspruchsvoll geblieben, umso mehr Spaß macht es mir, mich immer wieder aufs Neue darauf vorzubereiten, dem Unterricht folgen zu können und Abends mit vielen hinzugewonnenen Erkenntnissen nach Hause zu fahren.

Wer jetzt auch Lust bekommen hat, ebenfalls an einem Vorsemester in Medizin teilzunehmen, hat im baldigen Semester vom 25.04.2017 bis 29.07.2017 die Chance dazu. Auch für Unentschlossene bietet IFS aktuell die einmalige Gelegenheit der Hospitation im Sommersemester für das Wintersemester. Hierbei gibt es keine bestimmten Voraussetzungen, jedoch ist es notwendig, dass der jeweilige Wunschtermin vorab unter info@studentenkurse.de abgestimmt wird.

Ich für meinen Teil komme an diesem Abend hochmotiviert daheim an und nutze den Tatendrang, um schnell den Abwasch zu erledigen, bevor er wieder sein altbekanntes Schnütchen zieht. Gerade greife ich zum Schwamm, als ich über meine Hausschuhe stolpere. Besser kann der Tag doch gar nicht zu Ende gehen.

Euch wünsche ich einen wundervollen Wochenstart mit tollen Überraschungen!

Bis bald,

 

Eure Nele

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